Hygiene und Kunst? Shit happens seit den 1960er Jahren – Susanne Düchting

Hygiene in Form eines Konzeptes von Reinheit und Unreinheit ist in der Kunst insofern schon immer Thema, als damit die Bereiche von Schönheit/Hässlichkeit oder ästhetisch/unästhetisch abgesteckt werden. Die Kunsthistorikerin Susanne Düchting vollzieht einen Bruch in diesen Kategorien seit den 1960er Jahren nach. Der Körper als Grenze von innen und außen muss zunächst undurchdringlich bleiben, um als schön empfunden zu werden. Sowohl die Flüssigkeiten und Stoffe, die sich unter der Haut verbergen, als auch die Ausscheidungen, die die Grenze durchbrechen rufen bei den meisten Menschen Ekel hervor. Die Verletzung der Grenzen bedeutet eine Verletzung der Ordnung und Prozesse, die damit zusammenhängen, werden fast in allen Kulturen tabuisiert. Abstraktion vom Leben steht auf der einen Seite der Hauptströmungen der Kunst während auf der anderen Seite der Tabubruch, die Konfrontation mit dem „Hässlichen“ gewollt ist. Mit ihren extremen Aktionen mit Körperausscheidungen stehen dafür seit den 1950er Jahren die Wiener Aktionisten. „Wahrheit“ und „Ekel“ gehen hier Hand in Hand. Den medialen Bruch mit dieser Wahrheit thematisiert Paul McCarthy, der Körperflüssigkeiten durch Ketchup oder Mayonnaise ersetzt. Körperlichkeit und der Kampf mit aufoktroyierten Körperbildern ist immer auch Thema feministischer Künstlerinnen wie Mary Kelly oder Kiki Smith. Piero Manzonis „Künstlerscheiße“ oder Wim Delvoyes „Cloaca“ (unter anderem simuliert eine Maschine hier originalgetreu den menschlichen Verdauungsprozess) spielen über Ausscheidungen mit dem Kunstbegriff an sich und mit dem Problem der Vermarktung von Kunst. Auch Andy Warhol oder Gilbert und George bedienen sich dieser Idee und Cindy Sherman malt ganze Gemälde-Landschaften aus Ausscheidungen und krankem Gewebe. Ekel hebt immer auch die Distanz zwischen Betrachter und Kunstwerk auf, er wird unmittelbar davon affiziert. Die künstlerische Postmoderne macht sich diese Grenzaufhebung zu Nutze, um über die Rollen von Künstler und Kunst, Körper und Künstlichem, Innen und Außen zu reflektieren.

Ästhetische Tabus und Grenzen, die den Kunst-Diskurs und den Begriff von Ästhetik teilweise jahrhundertelang geprägt haben, existieren in der modernen Kunst nicht mehr, oder wenn, dann höchstens als Mittel, um sie gegen sich selbst zu wenden. Viele Künstler kämpfen mit ihrem Werk seit den Sechzigern gegen das Sterile, gegen einen „Hygiene-Zwang“ in der Kunst. Der Stoffwechsel wird damit zur Metapher der Transformation des Kunstwerks.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: H. W. Ingensiep / W. Popp (Hrsg.): Hygiene und Kultur. Interdisziplinäre IOS-Schriftenreihe Band 2. Essen: Oldib-Verlag 2012.

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